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  • Foto: Michael Haydn
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Manchmal ist da eine unglaubliche Leichtigkeit.

Interview mit Stefan Schäfer, November 2017

Er ist Solo-Kontrabassist des Philharmonischen Staatsorchesters, leidenschaftlicher Kammermusiker und Komponist: Nebenbei ist Stefan Schäfer auch noch Vorsitzender der Kammermusikkommission des Philharmonischen Staatsorchesters. Im Interview spricht der Musiker über die Bedeutung der Kammermusik für Orchestermusiker und verrät, warum sein Herz für einen besonderen Verein schlägt.

Herr Schäfer, Anfang Oktober haben die Musiker des Philharmonischen Staatsorchesters das 50-jährige Jubiläum der Philharmonischen Kammerkonzerte gefeiert. Wie haben Sie das Jubiläumskonzert erlebt?
Das war ein ganz außergewöhnliches Konzert! Es war ein großartiges „Schaulaufen“ des Orchesters mit 40 Mitwirkenden. Alle Instrumentengruppen konnten sich mit Musik aus allen Epochen und in ganz unterschiedlichen Besetzungen präsentieren. Genau diese Vielfalt ist ja auch das Besondere an den Philharmonischen Kammerkonzerten.

Die Reihe wird von den Musikern ganz eigenständig gestaltet. Andererseits gehört auch zur Tradition der Reihe, dass die jeweiligen Generalmusikdirektoren sich bei besonderen Gelegenheiten musikalisch einbringen.
Ich habe schon mehrere GMDs erlebt, die der Kammermusik sehr aufgeschlossen waren. Alle waren glücklich, wenn im Orchester viel Kammermusik gemacht wurde. Kent Naganos Zielsetzungen der „Philharmonischen Akademien“, mit denen wir jeweils die Spielzeit eröffnen, passen gut dazu. Auch hier arbeiten die Musiker in kleinen Besetzungen intensiv miteinander.

Warum ist das so wichtig?
Wenn die Kollegen in der Kammermusik gut miteinander kommunizieren, funktioniert das Musizieren natürlich auch im großen Kontext des Orchesters viel besser. Es gibt eigentlich kein besseres Training für die Orchesterarbeit, als Kammermusik zu machen. Ich bin absolut überzeugt davon, dass dieses aufeinander Hören, aufeinander Reagieren, unterschiedliche künstlerische Vorstellungen auf einen Punkt zu bringen, die Grundlage für die Orchesterarbeit sind.

Sie sind selber als Kammermusiker aktiv, aber auch als Komponist. Einige Ihrer Werke wurden in den Philharmonischen Kammerkonzerten gespielt.
Zu meinem Selbstverständnis als Musiker gehört, dass ich spiele und komponiere. Im Jubiläumskonzert zum 25-jährigen Bestehen der Reihe wurde hier zum ersten Mal ein Stück von mir gespielt. Seither gab es dort in 25 Jahren tatsächlich genau 25 Aufführungen meiner Werke. Zu manchen Kompositionen wurde ich von Kollegen inspiriert, die sich für bestimmte Besetzungen ein Werk von mir gewünscht haben.

Wann passt ein Stück besonders gut in die Reihe?
Die Philharmonischen Kammerkonzerte sind keine Konzertreihe, in der überwiegend Streichquartette gespielt werden. Natürlich gibt es bei uns auch die gängigen Formationen, aber wir freuen uns ebenso über viele andere Besetzungen, die man nicht häufig zu hören bekommt. Ein wunderbares Beispiel im Jubiläumskammerkonzert war der Ravel mit Harfe, Streichern und Bläsern. Wenn solche Besetzungen zusammenkommen, ist das für mich ein Idealfall. Dann entsteht ein buntes Kaleidoskop der Kammermusik.

Mitte November gibt es das erste reguläre Kammerkonzert der Spielzeit. Was erwartet die Zuhörer in dieser Saison?
Für diese Saison haben wir aus den Vorschlägen der Kollegen eine andere Auswahl getroffen als in den vorherigen Jahren. Wir haben uns in den Programmen der Kammerkonzerte an die Philharmonischen Konzerte angekoppelt. In dieser Spielzeit steht dort jeweils ein Komponist pro Konzert im Vordergrund. Deswegen gibt es jetzt im 1. Philharmonischen Kammerkonzert ein Klavierquartett von Richard Strauss, das eine Brücke zu seinen Werken im 2. Philharmonischen Konzert schlägt.

Es ist die erste Kammermusik-Saison in der Elbphilharmonie. Das Jubiläumskammerkonzert war zugleich der Abschied von der Laeiszhalle. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Neben den Kammerkonzerten gibt es noch eine weitere emotionale Verbindung zu diesem Raum: Fast alle Kollegen erinnern sich an ihre Probespiele in der „Kleinen Laeiszhalle“, die mit viel Aufregung verbunden waren. Außerdem ist der Saal akustisch für Spieler und Hörer sehr gut. Mit einem neuen Saal muss man grundsätzlich erst einmal warm werden. Mein erstes Konzert im kleinen Saal der Elphi war unser Sonderkammerkonzert mit Klaus Florian Vogt. Das war natürlich ein fantastisches Erlebnis!

Was machen Sie, wenn Sie mal außerhalb von Konzertsälen ein fantastisches Erlebnis suchen?
(Überlegt) In Hamburg habe ich ja auch meine Studienzeit verbracht. Als ich Anfang der 80er Jahre hierher kam, sagte einer: „Komm mal mit.“ Und plötzlich stand ich im Stadion des FC St. Pauli. Da stehe ich ab und zu immer noch. (lacht) Ich bin nicht nur Fan dieses ungewöhnlichen Vereins, sondern inzwischen sogar Mitglied. Allerdings habe ich keine Dauerkarte – schließlich kann ich ja nicht gleichzeitig ins Stadion gehen und Parsifal spielen.

Was bedeutet es für Sie, Fan dieses Vereins zu sein?
Da spielt sich etwas ganz anderes ab als in meinem Musikerleben. Manchmal erlebe ich im Stadion eine spezielle Atmosphäre, eine unglaubliche Leichtigkeit, die meinen Kopf frei macht.

Das Gespräch führt Hannes Wönig


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