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  • Foto: Felix Broede
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Den Blick hinter die Kulissen finde ich spannend.

Interview mit Solveigh Rose, Januar 2018

Seit 1990 gehört sie zu den Ersten Violinen des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg: Solveigh Rose spricht im Interview über ihre Arbeit im Orchestervorstand, ein ungewöhnliches Kammerkonzert und ihre Leidenschaft für das Unterrichten.

Frau Rose, seit mehr als 10 Jahren sind Sie im Orchestervorstand aktiv. Was bedeutet das eigentlich?
Wir sind so etwas wie das Verbindungsstück, die Ansprechpartner. Wir vertreten die Interessen des Orchesters vor den Dirigenten, vor der Leitung des Hauses und vor der Öffentlichkeit. Die größtmögliche Zufriedenheit unserer Kollegen und beste Arbeitsbedingungen stehen für uns an erster Stelle. Glücklicherweise werden wir von der Leitung unseres Hauses in viele Planungen und dispositorische Fragen mit einbezogen. Wir pflegen einen engen Kontakt zur Kulturbehörde und wurden 2012 sogar in die Nachfolgesuche des neuen Chefdirigenten mit eingebunden.

Welche Aufgaben haben Sie konkret?
Meine vier Vorstandskollegen und ich haben verschiedene, oft organisatorische Aufgaben, machen Ansagen, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten, leiten Probespiele oder führen Zwischengespräche über Kollegen, die noch im Probejahr sind. Besonders den Kontakt mit Menschen außerhalb des Orchesters und den Blick hinter die Kulissen finde ich spannend. In der heutigen Zeit ist es wichtig, dass der Orchestervorstand auch repräsentiert und bei wichtigen Veranstaltungen das Orchester vertritt.

Als Musikerin sind Sie deshalb nicht weniger präsent. Für das 3. Kammerkonzert haben Sie ein besonderes Programm ausgewählt ...
Wir orientieren uns in dieser Spielzeit mit unseren Kammermusikprogrammen an den Philharmonischen Konzerten. Mitte März stehen hier die letzten drei Sinfonien von Mozart auf dem Programm. Ich habe also geschaut, welches Mozarts letzte Kammermusikwerke sind: das Klarinettenquintett, das Es-Dur Streichquintett und das Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello.

Die Glasharmonika ist ein ungewöhnliches Instrument, das allerdings von Komponisten wie Jörg Widmann aktuell gern wieder eingesetzt wird. Zum Beispiel im ARCHE-Oratorium, dass das Philharmonische Staatsorchester zur Elbphilharmonie-Eröffnung gespielt hat.
Bis dahin hatte ich mich mit diesem Instrument nie befasst. Die Glasharmonika sieht aus wie ein liegender Döner aus Glasscheiben (lacht) und funktioniert wie eine Tretnähmaschine. Mit nassen Fingern kann man darauf Akkorde greifen.

Im Kammerkonzert werden allerdings zwei Verrophon-Spieler den Glasharmonika-Part übernehmen.
Als ich mir das Programm überlegte, habe ich unterwegs in der U-Bahn per WhatsApp wunderbare Kollegen für dieses Projekt gewinnen können und das Programm eingereicht. Bis dahin war mir allerdings nicht klar, wie schwierig es ist, jemanden zu finden, der dieses Stück auf der Glasharmonika spielen kann. In unzähligen Mails und Telefonaten musste ich erfahren, dass es weltweit nur fünf Musiker gibt, die den Mozart auf der ursprünglichen Glasharmonika spielen können. Die sind jedoch über Jahre ausgebucht sind, weil gerade auch Jörg Widmann die Glasharmonika in vielen seiner Kompositionen einsetzt.

Am Ende waren Sie dennoch erfolgreich?
Ja. Ich habe mit interessanten Menschen gesprochen und viel über die sogenannte „Glas-Szene“ gelernt. Einer von ihnen hatte vom ersten Moment an die Assoziation, dies sei doch das Instrument für die Elbphilharmonie: Glas und Wasser ... Um das Kammerkonzert dennoch verwirklichen zu können, werden wir das Quintett mit zwei Verrophonen aufführen. Das Verrophon ist der erst wenige Jahrzehnte alte Verwandte der Glasharmonika und besteht aus mit Wasser gefüllten Glasröhren, auf denen man allerdings nur zweistimmig spielen kann. Deshalb brauchen wir zwei davon, aus dem Quintett wird also ein Sextett.

Außerhalb des Orchesters sind Sie auch noch in einer anderen Rolle aktiv: als Geigenlehrerin geben Sie Ihr Können weiter.
Ich unterrichte seit ich 15 bin und habe es seither immer als wichtige Aufgabe empfunden. Einige Schüler habe ich schon seit vielen Jahren, manche haben inzwischen Stipendien und nehmen an Wettbewerben teil. Darunter sind auch Schüler aus sozial schwachen Familien oder Flüchtlinge, die ich sogar schon umsonst unterrichtet habe. Als ich in der 2. Klasse meiner Tochter die Geige vorgestellt habe, hatte ein Mädchen dabei Tränen in den Augen. Ich habe daraufhin die Eltern kontaktiert, die nach anfänglichem Zögern tatsächlich mit ihrer Tochter zu mir in den Unterricht gekommen sind. Inzwischen wird sie von The Young ClassX gefördert, wo ich auch als Coach arbeite, und hat dort Zugang zu den verschiedenen Orchestern und Ensembles. Das finde ich großartig. Sie hätte vermutlich niemals Geige gelernt und vielleicht auch kein anderes Instrument.

Orchester, Unterrichten, Vorstandsarbeit – Ihre Tage sind mehr als ausgefüllt. Was machen Sie, wenn Sie mal richtig abschalten wollen?
Ich laufe Halbmarathon. Zwei Mal im Jahr, einmal in Berlin und einmal in Hamburg. Berlin hat eine Traumstrecke, sozusagen „Sightseeing XXL“ mit 34.000 anderen Teilnehmern. Im Alltag laufe ich zwei Mal pro Woche mindestens 10 Kilometer, auch den ganzen Winter durch, egal wie schlecht das Wetter ist. Es macht mich froh, die Jahreszeiten auf meiner Haut zu spüren. Morgens bin ich manchmal die erste Spur im Schnee – ein guter Start in den Tag.

Das Gespräch führte Hannes Wönig

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