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  • Foto: Dmitrij Leltschuk
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Ich bin angekommen.

Interview mit Joanna Kamenarska, November 2016

Von Sofia führte sie der Weg über Salzburg in den hohen Norden: Seit 2008 ist Joanna Kamenarska Konzertmeisterin des Philharmonischen Staatsorchesters. Im Interview spricht die Wahl-Hamburgerin mit bulgarischen Wurzeln über ihre vielseitigen musikalischen Interessen, das bevorstehende Kammerkonzert und die Frage, warum Kopfüber-Yoga gegen Schlecht-Wetter-Depressionen hilft.

Konzertmeisterin, Kammermusikerin, Solistin – das Spektrum Ihrer künstlerischen Betätigungsfelder ist ziemlich weitläufig. Was treibt Sie an?
Die Kunst ist für mich wie ein Universum, in dem man die Sterne gar nicht zählen kann. Ich finde es unvorstellbar, angesichts dessen, was sie zu bieten hat, einfach irgendwo aufzuhören. Zu merken, dass da noch so viel zu sagen ist, ist schon Anregung genug. Und oft sind es inspirierende Begegnungen mit anderen Künstlern, die auch so leidenschaftlich und im positiven Sinne besessen von der Sache sind wie ich.

Wovon sind Sie im Moment besonders „positiv besessen“?
Gerade arbeite ich vor allem daran, mich geigerisch weiter zu entwickeln. Aber ich möchte mich auch mehr mit Improvisation beschäftigen und mit anderen Stilrichtungen wie Jazz, Chanson oder Balkan, die nicht so sehr mit der Klassik zu tun haben. Bei der Südamerika-Tournee mit unserem Orchester habe ich zum Beispiel die Magie des Tangos aus der Nähe kennen gelernt und selber einen Crash-Kurs gemacht. Und wenn ich mal Zeit habe, will ich eine Doktorarbeit schreiben.

Ich bekomme eine leise Ahnung, was Sie mit „Universum“ meinen.
Meine Mutter hat früher immer gesagt, ich solle mich mehr auf eine Sache fokussieren. Aber ich finde mittlerweile, dass diese vielen Facetten für mich wichtig sind. Mich ziehen einfach viele Dinge an und ich stehe zu dieser Vielseitigkeit.

Mal ganz ehrlich: Wie schwer fällt es Ihnen, die Geige aus der Hand zu legen?
Das kann ich gut! Freunde treffen, tanzen gehen, verreisen und Zeit mit meinem Sohn verbringen – ich genieße das Leben. Aber ich nehme mir auch Momente nur für mich. Dann fahre ich in mein winzig kleines Wochenendhäuschen in der Lüneburger Heide.

Und da bleibt die Geige draußen?
Tatsächlich bekommt ihr das Klima im Haus nicht besonders gut, weil man es mit Holz heizen muss. Deshalb schaue ich, dass ich sie dort nicht brauche, und gehe lieber in der Natur spazieren oder joggen.

Und Sie machen Yoga. Das hat mir Ihr Facebook-Profil verraten.
Ich mache Aerial Yoga. Dabei hängt man in der Luft in einem Tuch und viele Positionen sind mit dem Kopf nach unten. Das hilft sehr gut gegen die Probleme, die durch das viele Spielen gelegentlich entstehen. Und das Überkopfhängen hilft übrigens noch gegen etwas anderes: Wenn dieses berühmte Hamburger Wetter kommt und die leichte Depression, dann zwingt einen die Schwerkraft dazu, zu lächeln. (lacht) Dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Sie haben mit Yoga den Kampf gegen das angeblich so schlechte Wetter gewonnen. Hätten Sie sich das vorstellen können, als Sie noch im „sonnigen Süden“ gelebt haben?
Hamburg hatte mich schon früher einmal gepackt, als ich auf einer Konzertreise war. Damals war ich hier spazieren, habe den Hafen gesehen und dachte, was für eine edle Stadt. Hamburg hat einfach viele Facetten, die mich faszinieren. Manchmal vermisse ich zwar Salzburg, wegen der Berge. Aber ich denke, hier ich bin einfach angekommen.

Anfang Dezember sind Sie in Hamburg mit Ihren Orchester-Kollegen Thomas Rühl, Viola, und Thomas Tyllack, Violoncello, beim zweiten Kammerkonzert zu hören – mit drei Streichtrios. Was reizt Sie an diesem Projekt?
Zunächst hat uns das Humorvolle an dem Trio von Strauss sehr gereizt. Das Stück stand als erstes fest. Auch die Besetzung an sich hat uns interessiert. Es ist wie ein Stuhl mit drei Beinen: Stabil, aber auch sehr filigran. Jede Rolle ist so festgelegt, dass keiner etwas abgeben kann. Beim Quartett kann man sich manchmal an die Nebenstimme lehnen, das geht beim Trio nicht. Aber dennoch ist es eine sehr gute Einheit.

Sie werden Trios von Schubert, Strauss und Schnittke spielen, einmal quer durch die Musikgeschichte. Entspricht Ihnen ein so vielseitiges Programm mehr als etwa ein reiner Schubert-Abend?
Die Stücke sind zwar musikalisch sehr verschieden, aber gerade zwischen Schnittke und Schubert sehe ich schon eine gewisse inhaltliche Verwandtschaft, besonders in diesen Trios. Schnittke verarbeitet darin sein eigenes Leid. Es ist, als hätte er eine Vorahnung, dass er bald einen Schlaganfall erleiden und ins Koma fallen würde. Das ist auch typisch für Schuberts Spätwerk, dass er durch sein Leid und diese Entsagung für das Leben an Bereiche kommt, die schon gar nicht mehr irdisch sind. Sich mit diesen Aspekten auseinanderzusetzen finde ich sehr berührend.

Das Gespräch führte Hannes Wönig


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