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  • Foto: Felix Broede
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Musik als Perspektive der Hoffnung

Liebe Hamburgerinnen und Hamburger,

in diesen zutiefst verstörenden Zeiten ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen meine Solidarität und Unterstützung auszudrücken.

Die Geschichte lehrt uns, was für eine stetige und treue Begleiterin die Musik ist. Zu allen Lebensphasen, von der Kindheit bis zum reifen Erwachsenenalter, in Zeiten der Tragödie, der Liebe, der Freude, der Einsamkeit, der Einkehr und des Feierns – wir, denen die Liebe zur Musik gemeinsam ist, empfinden sie als die tiefste Essenz des menschlichen Geistes und dessen, was er darstellt.

Für mich ist es immer wichtig, daran zu erinnern, dass alle Musik, und vor allem unsere „klassische Kunstmusik“ die menschliche Kreativität auf besondere Weise verdeutlicht, anders als alle anderen Kunstformen – die meisten von uns sind sich einig, dass man sich beim Hören von Johann Sebastian Bach einer universellen Empfindung und einer gewissen Perfektion bewußt wird, um nur ein Beispiel zu nennen.

Zudem enthüllt diese Musik, die wir als Gemeinschaft miteinander teilen, etwas noch außergewöhnlicheres, eine einzigartige Kraft. Musik erlaubt uns nämlich, unsere Angst und die normalen Grenzen der Toleranz zu überwinden. Sie verleiht uns die Fähigkeit, mit einer einzigartigen Zeit Kontakt aufzunehmen, nämlich dem Augenblick, in dem man das „Hier und Jetzt“ wahrnimmt, aber gleichzeitig kombiniert mit „Gedächtnis“ und „Hoffnung“. Gemeinsam bieten diese uns einen Weg in die Zukunft. Dieser „gegenwärtige Moment“ ist es, der die Musik von jeder anderen ästhetischen oder kommunikativen Form unterscheidet. Auf ihm beruht unsere musikalische Tradition, und er erklärt auch ihre Zeitlosigkeit.

Wenn wir uns dieser schwierigen Zeit zuwenden, tun wir das in dem Wissen, dass die Geschichte der Menschheit voller Konflikte, voller Bedürfnisse und Verzweiflung ist. Wir haben gesehen, dass unsere Vorfahren die Kraft gefunden haben, zu überleben, Gegnern zu trotzen und ihre Hoffnungen und Träume am Leben zu erhalten. Menschen haben neue Wege gefunden, die Herausforderungen des Lebens zu meistern, und sie sind aus Krisen immer wieder gestärkt und erfrischt hervorgegangen.

Ein spezieller historischer Bezugspunkt ist zum Beispiel das Zeitalter der „Aufklärung“, das die Epochen des Barock, des Rokoko, des galanten Stils, der Klassik und den Beginn der Romantik umfasst. Zahlreich und vielfältig sind die Initiativen und Schöpfungen aus dieser fruchtbaren Zeit, von denen die Zivilisation profitiert hat.
Obwohl wir also den Fortschritt dieser Ära feiern, ist es auch wichtig, uns zu erinnern, dass ohne den Dreißigjährigen Krieg und seine schrecklichen Verwüstungen, ohne die Pandemien und die Schrecken der Pest diese besondere Zeit der Aufklärung sicherlich unmöglich gewesen wäre. Und auch wenn die Zeit der Aufklärung tatsächlich eine optimistische war, reicht es aus, uns die Bachschen Passionen, die Inhalte der neuen Kunstform der Oper oder Napoleons Ehrgeiz und Eroberungen – um nur einige wenige zu nennen – vor Augen zu führen, um uns darüber klar zu werden, dass es eine Zeit war, in der man das Lebensschicksal nicht vergessen durfte.

Wie heute war diese Zeit des ungezügelten Erfindungsreichtums und der Kreativität eine Zeit der Unmittelbarkeit, des „Hier und Jetzt“. Damals wie heute wäre es leicht (und legitim) gewesen, sich auf das Negative zu konzentrieren. Die Geschichte jedoch erinnert uns ständig daran, dass wir auch das Positive sehen müssen.
Niemand hat das besser verstanden als Beethoven, Mozart, Bach und die lange Reihe schöpferischer musikalischer Stimmen, die uns weite Dimensionen und einen lebenslangen Vorrat komplexer Perspektiven geschenkt haben, die sich alle mit denselben Fragen befassen.

Heute sehen wir uns einer Pandemie und all dem Unbekannten gegenüber, dass diese mit sich bringt, und die Menschen sind angehalten, sich zuhause zu isolieren und sozialen Kontakt außer dem Allernötigsten zu meiden. Während alle Orte, an denen wir uns als Gemeinschaft versammeln und unsere kulturelle Tradition leben – Cafés, Theater, Konzertsäle, Museen, Restaurants – geschlossen sind, kann uns die Musik vielleicht eine Zuflucht und etwas Hoffnung geben. Durch die Musik erfahren wir die Lebendigkeit des menschlichen Geistes, die Stärke und den Reichtum unserer Gesellschaft, mit der wir in Hamburg und in Deutschland gesegnet sind. Wir können das Jetzt, die Erinnerung und die Zukunft hören und erleben – gemeinsam geben sie uns eine Perspektive: die Hoffnung.

Ihr Kent Nagano

Erschienen am 26. März 2020 im Hamburger Abendblatt.

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