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  • Foto: Kiran West
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„Oh nein, jetzt kommt Salome“

Interview mit Björn Westlund

Er ist seit mehr als 30 Jahren Erster Soloflötist des Philharmonischen Staatsorchesters: Björn Westlund war gerade mal 22, als er den begehrten Posten erhielt. Bevor ihn sein Weg endgültig nach Hamburg führte, hat der in Stockholm geborene Musiker noch einen Zwischenstopp in Berlin eingelegt, um sich bei der Karajan-Akademie der Berliner Philharmoniker den letzten Schliff zu holen. Wir treffen uns an einem Freitagnachmittag im Dezember zum Gespräch in der Stifter-Lounge der Hamburgischen Staatsoper. Bis zur Abendvorstellung ist noch etwas Zeit. Während draußen der Feierabendverkehr vorbeizieht, schallen aus dem Inneren des Opernhauses vereinzelt Klänge die Treppenaufgänge herauf – der richtige Ort, um über das Orchesterleben früher und heute, die Herausforderungen für junge Musiker und über plötzliche Panikanrufe zu sprechen.

Herr Westlund, Sie gehören seit mehr als drei Jahrzehnten dem Philharmonischen Staatsorchester an. Was zeichnet dieses Orchester aus, dass Sie ihm so lange die Treue halten?

Wir spielen ungewöhnlich viele Konzertprogramme für ein Opernorchester, und wir haben ein großes Ballett-Repertoire. Das ist absolut nicht die Regel, aber es macht das Orchester sehr vielfältig im Repertoire und damit auch in den Anforderungen an die Musiker.

Sie haben den direkten Vergleich, denn Sie spielen regelmäßig auch in anderen Orchestern.

Ja, das kann man so sagen. Es kommen oft Panikanrufe, wenn für ein bestimmtes Stück kurzfristig eine Flöte gebraucht wird. Ich springe dann gerne ein, zum Beispiel in München oder Berlin. Das ist einfach spannend.

Was war der kurzfristigste Panikanruf, den Sie bekommen haben?

Das war Salome, konzertant, mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern. Da klingelte es am Freitagnachmittag und am Samstag bin ich dann direkt rein in die Premiere, also ohne Probe. Das war sehr knapp.

Steht einem da der Schweiß auf der Stirn oder hat man gar keine Zeit mehr, sich darüber Gedanken zu machen?

Das war heftig (lacht). Im Zug nach Berlin hatte ich schon etwas Bammel. Aber Salome ist natürlich ein Stück, das ich gut kenne. Sonst kann man bei einer Strauss-Oper auch nicht einfach zusagen. Das wäre Suizid. Man spielt heutzutage eigentlich fast nichts ohne Probe. Als ich anfing, gab es noch wesentlich weniger Proben. Damals musste ich den Rosenkavalier, La Bohème und solche Opern ohne Probe spielen. Vorher habe ich vielleicht mal bei einer Vorstellung im Publikum gesessen und zugehört, aber am nächsten Abend war ich dran. Das war natürlich auch ein Test, ob es klappt. Man musste viel üben und vorarbeiten – sonst war man als junger Musiker relativ schnell erledigt, wenn man ein paar Sachen in den Sand gesetzt hatte.

Der nächste Panikanruf kommt bestimmt.

Also, Salome haben wir neulich gespielt, das wäre kein Drama (lacht). Aber normalerweise weiß man das ein paar Monate im Voraus. Man guckt ja nicht plötzlich in den Kalender und denkt: „Oh nein, jetzt kommt Salome.“ Nur weil ich eine Oper 50 oder 100 Mal gespielt habe, heißt das nicht, dass ich sie nicht üben muss. Und es gibt Stücke, die bleiben schwierig, wie Salome oder Rosenkavalier.

Inzwischen bilden Sie selbst als Professor an der Hamburger Musikhochschule den Flötisten-Nachwuchs aus. Was raten Sie jungen Musikern?

Heute sind die meisten auf eine solistische Karriere aus. Aber wer ins Orchester möchte, muss überall in der Welt die gleiche Art Probespiele machen. Dafür muss man als Flötist einige Pflichtstücke und etwa 30 bis 40 Orchesterauszüge lernen und beherrschen. Viele unterschätzen das und scheitern dann daran, wenn sie eine Beethoven-Symphonie oder einen Rosenkavalier vorspielen müssen. Früher waren manche Kollegen spielerisch vielleicht nicht so virtuos wie die jungen heute, aber die waren unheimlich erfahren und kannten ein großes Repertoire. Ich hatte damals sehr nette ältere Kollegen, die sich um mich gekümmert haben. Die sind mit mir die Stücke wirklich ganz detailliert durchgegangen und haben mir dann auch gesagt: „Wenn der spielt, dann musst du immer etwas höher spielen, und bei dem musst du aufpassen, denn der spielt immer etwas zu früh.“ Ohne die hätte ich das nicht geschafft, ganz sicher nicht.

Sie müssen dieses Repertoire heute nicht mehr so viel üben wie Ihre Studenten. Welches Repertoire erarbeiten Sie selber jetzt am liebsten?

Die Zeit von Debussy und Ravel, etwa von 1870 bis 1940, war die goldene Ära für die Flöte. Diese Epoche mag ich persönlich fast am liebsten. Die Musik hat einen ganz eigenen Klang, Transparenz und Ausdruck.

Mit Debussy sind Sie Ende Januar im 3. Kammerkonzert zu hören. Auf dem Programm steht daneben auch ein Werk von Franz Doppler.

Doppler war ein ungarischer Virtuose und Soloflötist an der Wiener Staatsoper – und er gehörte 1872 in Bayreuth zum Gründungsorchester. Das habe ich zufällig in Bayreuth gelesen, als ich dort selber im Festspielorchester mitspielte. Er hat sehr witzige Virtuosen-Stücke für Flöte geschrieben, um sie bei der feinen Society zu spielen.

Das Gespräch führte Hannes Wönig.